Literatur für Leser

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ISSN : 0343-1657
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Andreas Solbach
Literatur für Leser, Volume 42, pp 199-213; https://doi.org/10.3726/lfl.2019.03.03

Abstract:
Der Artikel versucht, mit Hilfe einer genauen und ausführlichen narratologischen Analyse die Umsetzung der vielfältigen Entwürfe eines ,neuen Lebens‘ in den 1970er Jahren bei Henschel zu diskutieren. Dabei wird deutlich, dass den andauernden ideologischen Diskursen der deutschen Geschichte seit der Jahrhundertwende zwar eine stark subjektive negative Kritik entgegengestellt wird, die sich aber, dem noch sehr jugendlichen Alter des homodiegetischen Helden, aber auch den gesellschaftlichen Möglichkeiten der Zeit entsprechend, nur teilweise durchsetzen kann.
Gerhard Henschel
Literatur für Leser, Volume 42, pp 195-198; https://doi.org/10.3726/lfl.2019.03.02

Abstract:
In einem Testspiel hatte Deutschland sich den Iren mit 0:2 geschlagen geben müssen. ,,Und der schlechteste Mann auf ’m Platz war Stefan Effenberg“, sagte Heribert. ,,Ich weiß überhaupt nicht, was der im deutschen WM-Kader zu suchen hat. Der Vogts hätte mal lieber Bernd Schuster nominieren sollen! Das ist der beste deutsche Mittelfeldspieler seit Netzer und Overath. Aber dafür ist Vogts natürlich zu feige gewesen, weil er weiß, daß der Schuster keiner von denen ist, die vor der DFB-Führung kuschen …“
Manuel Förderer
Literatur für Leser, Volume 42, pp 215-230; https://doi.org/10.3726/lfl.2019.03.04

Abstract:
Der Aufsatz zeichnet anhand dreier thematischer Komplexe nach, welche Rolle Texte und Musik Bob Dylans innerhalb des autobiographischen Romanprojekts um Martin Schlosser spielen. Zunächst wird untersucht, wie Dylans Lyrics die erzählten Spannungen zwischen Vergangenheit und Zukunft, wie sie sich exemplarisch im Verhältnis des Erzählers zu seiner Familie zeigen, motivisch rahmen; sodann wird aufgezeigt, wie durch den Zugriff auf Dylans Texte thematische Einheiten innerhalb der Romane konstituiert und somit teils disparate Passagen verknüpft werden. Abschließend rücken Adaptions- und Übersetzungspraktiken, derer sich der Erzähler in Bezug auf Dylans Songtexte bedient, in den Blick, wobei an entsprechenden Stellen auch weitere Texte Henschels berücksichtigt werden sollen. Der Aufsatz dokumentiert eine gleichfalls passgenaue wie vielschichtige Montagepraxis innerhalb der Schlosser-Romane und erarbeitet grundlegende Einsichten in die intertextuelle Verfahrensweise Henschels.
Peter C. Pohl
Literatur für Leser, Volume 42, pp 231-248; https://doi.org/10.3726/lfl.2019.03.05

Abstract:
Gerhard Henschels autofiktionaler Romanzyklus um Martin Schlosser weist neben diversen anderen Texten auch einen Bildungsroman auf; allerdings stellt sich die Frage, inwieweit der Titel auch als Gattungsbezeichnung ernst zu nehmen ist. Die Gründe, die dagegen sprechen, sind zahlreich und gewichtig. Der vorliegende Aufsatz versucht nicht erst, diese Gründe zu entfalten, sondern verfolgt einen anderen Weg: Ausgehend von Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre und einer Gattungsdiskussion und -neubestimmung des Bildungsromans liest er Henschels Text als einen Bildungsroman der Gegenwart und fundiert seine Lektüre im Vergleich mit einem anderen zeitgenössischen Text, der sich zwar auch Bildungsroman nennt, gleichfalls aber am ehesten noch als Genre-Parodie für die Bildungsromanforschung brauchbar scheint: Judith Schalanskys Der Hals der Giraffe. Bildungsroman. Das Ziel ist es, einerseits die Bildungsromanforschung an die Gegenwart heranzuführen, andererseits die Notwendigkeit des Genres für die Reflexion der gesamtdeutschen Gegenwart mit ihren ästhetisch-medial-kulturellen Spezifika aufzuzeigen. Dabei fällt auf: Wie der Bildungsroman Goethes bildet(e) sich die deutsche Gegenwart weder nur integrativ und harmonisch noch nur desintegrativ und disharmonisch.
Ingo Cornils
Literatur für Leser, Volume 42, pp 189-194; https://doi.org/10.3726/lfl.2019.03.01

Abstract:
Gerhard Henschel (geb. 1962) hat sich als Spötter, Übersetzer, Herausgeber und Romanautor einen Namen gemacht. Seine ersten kulturkritischen Texte erschienen Ende der achtziger Jahre in der von Michael Rutschky herausgegebenen Zeitschrift Der Alltag. Von 1993 bis 1995 gehörte er der Titanic-Redaktion an. Seit 1992 ist er mit Romanen, Erzählungen und Sachbüchern hervorgetreten, aber auch mit Polemiken und Satiren (u.a. Das Blöken der Lämmer. Die Linke und der Kitsch, 1994; Das Wörterbuch des Gutmenschen. Zur Kritik der moralisch korrekten Schaumsprache, 1994; Gossenreport. Betriebsgeheimnisse der Bild-Zeitung, 2006;1Harry Piel sitzt am Nil. Über Schmähkritik und Unflätigkeit im öffentlichen Raum, 2016). Mehrere seiner Bücher verfasste er gemeinsam mit Autoren, die der ,Neuen Frankfurter Schule‘ zugerechnet werden können.
Kay Wolfinger
Literatur für Leser, Volume 42, pp 249-262; https://doi.org/10.3726/lfl.2019.03.06

Abstract:
Der Beitrag macht auf die Nähe Gerhard Henschels zum Schriftsteller Walter Kempowski aufmerksam und durchkämmt die jeweiligen Werke auf wechselseitige Spuren. Zudem arbeitet er mit Fundstücken und Interviewmaterial und will sowohl die Henschel-Forschung inspirieren als auch der Kempowski-Forschung neue Impulse geben: Die von Kempowski veranstalteten Literaturseminare in Nartum, die auch in den Martin-Schlosser-Romanen Henschels ihren Niederschlag gefunden haben, sind ein noch unbeleuchtetes Forschungsthema.
Simela Delianidou
Literatur für Leser, Volume 1, pp 1-28; https://doi.org/10.3726/lfl.2019.01.01

Abstract:
Das Wissen der Literatur - so der Titel von Jochen Hörischs Studie von 20071 - weitet sich vermehrt in Wirtschaftskrisen auf das Thema ,,Ökonomie“ und ,,Armut“ aus, wie exemplarisch die deutschsprachige Literatur der Neuen Sachlichkeit in der Zwischenkriegszeit, aber auch einige Wirtschaftsromane seit der Finanzkrise 2008 belegen. Sie hinterfragen zunehmend Adam Smith’s Konzept der Oikodizee2, auch wenn die Mehrzahl der Wirtschaftstheoretiker und -historiker – Apologeten seiner liberalen Theorie – nicht müde werden zu betonen, dass der ,,Kapitalismus als zivilisierende Kraft, die […] Gesellschaft [nicht nur] wohlhabend, sondern auch die Menschen freier, friedlicher und besser“3 gemacht habe, ihm also immense Fortschritte zugeschrieben werden müssten, von denen ,,die vielen Menschen, die nicht einer gut gestellten Oberschicht angehören, in Bezug auf materielle Lebensverhältnisse und Überwindung der Not, gewonnene Lebenszeit und Gesundheit, Wahlmöglichkeiten und Freiheit“4 sonst ausgeschlossen wären. Jürgen Kocka konstatiert, dass die gegenwärtige Kritik am Kapitalismus im öffentlichen Diskurs vielfältig sei, wobei er sich vornehmlich für die ,,zunehmende Einkommens- und Vermögensungleichheit innerhalb des eigenen Landes interessiert als für die vielen Ungleichheiten zwischen den Ländern und Erdteilen“.5 Hans Falladas neusachlicher Roman Kleiner Mann – was nun? (1932) konzentriert sich in seiner Wirtschaftskritik auf diesen innenpolitischen Blick.
Barbara Neymeyr
Literatur für Leser, Volume 41, pp 239-258; https://doi.org/10.3726/lfl.2018.03.07

Abstract:
In der essayistischen Skizze Über Genie und Staat (1912) aus Heyms letzter Lebensphase fallen markante Spannungsfelder auf: Individuum und Gesellschaft – Ohnmacht des Genies und öffentliche Macht – kulturelle Leistung und politische Herrschaft – Genius und Menschheit – Décadence und Vitalismus – Ordnung und Chaos – Gegenwartsmisere und Zukunftsutopie – Maskerade und Authentizität – Aristokratie und Massengesellschaft. Diese Themen prägen den Gedankengang in Heyms Essay Über Genie und Staat. In deutlicher Affinität zu Konzepten Nietzsches entfaltet er hier gesellschaftskritische Perspektiven und verbindet sie zugleich mit einer kulturpolitischen Utopie. Zunächst benennt Heym eklatante Missstände, die seines Erachtens für die Misere genialer Individuen verantwortlich sind: Da er die Genies unter dem Druck staatlicher Machtinstitutionen zur Wirkungslosigkeit verdammt sieht, formuliert er gemäß seiner eigenen Devise ,Genies an die Macht‘ eine utopische Alternative: ,,Igitur man biete dem, der sonst etwas Großes leistet, auch die politische Macht an. Ich glaube, er wird mit beiden Händen zugreifen. Das Bewußtsein verdienter Herrschaft muß ihm sicher eine Quelle starker und großer Lebensfreuden werden“, zumal er dadurch zugleich die nötigen Voraussetzungen erhält, um seine ,,besonderen Utopien“ auch ,,in Taten umzusetzen“ (2, 175).1
Roland Innerhofer
Literatur für Leser, Volume 41, pp 199-210; https://doi.org/10.3726/lfl.2018.03.04

Abstract:
Science Fiction war von Anfang an eine proteische, schwer abgrenzbare Gattung. Lange bevor sich die Gattungsbezeichnung seit Ende der 1920er Jahre in den Vereinigten Staaten durchsetzte, bildete sich spätestens seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine literarische Gattung heraus, die unter verschiedenen Bezeichnungen naturwissenschaftliche Entdeckungen und technische Erfindungen fiktional verarbeitete und ihre Ergebnisse in die Zukunft projizierte. Im Prozess der Gattungskonstitution ist ein vielgestaltiges Amalgamierungsverfahren zu beobachten, bei dem ältere Gattungen wie die Utopie, der phantastische Reiseroman, der Planetenroman, der Kriminalroman oder der Schauerroman miteinander neu kombiniert und mit technischen Zukunftsvisionen verbunden wurden. Besonders in der Zeit um 1900 waren die Schnittmengen zwischen Science Fiction, Phantastik und Esoterik beträchtlich und die Grenzen zwischen ihnen fließend. Dementsprechend bilden Autorinnen oder Autoren, die ausschließlich oder hauptsächlich Science Fiction schrieben, die Ausnahme. Nicht so sehr mit einer ,Genreliteratur‘ und ihren Autoren haben wir es in der Frühzeit der Science Fiction zu tun, sondern mit Science-Fiction-Diskursen und -Motiven, die in verschiedenartigen Texten eingeflochten sind. Vor diesem Hintergrund wollen wir zwei nachgelassene, 1911 entstandene Prosatexte von Georg Heym näher betrachten.
Andreas Kramer
Literatur für Leser, Volume 41, pp 189-198; https://doi.org/10.3726/lfl.2018.03.03

Abstract:
Heyms Prosatexte Die Novella der Liebe (1907), Kleines Viaticum für eine Dame (1910/11), Der Höhenmesser zeigte… (1911) und Das Geheimnis der Liebe (1911)1 befassen sich mit Erscheinungs- und Ausdrucksformen der Liebe zwischen Mann und Frau. Sie thematisieren dabei, in unterschiedlicher Gewichtung, sinnlich-erotische Bedürfnisse und Erlebnisse sowie gesellschaftliche und moralische Normen, denen das Handeln der Liebenden unterliegt oder die von ihnen überschritten werden. Mit dieser Themenwahl haben die Texte aus Heyms Nachlass sicher an der ,,erotischen Rebellion“ der literarischen Bohème im frühen 20. Jahrhundert teil.2 Zugleich verknüpfen sie die ,erotische Rebellion‘ mit vitalistischen Denk- und Ausdrucksformen, wodurch sie sich mit dem literarischen Expressionismus verbinden lassen.3 Wie stark Heyms literarisches Werk von vitalistischen Gedanken und Bildern geprägt ist, ist seit Gunter Martens’ Untersuchung bekannt.4 Im hier untersuchten Nachlasskorpus bilden Liebesbeziehungen zwischen Mann und Frau einen vitalistischen Topos: Die erotische Liebe erscheint als lebenssteigernde Erfüllung sinnlicher Bedürfnisse, zugleich als vitalisierte Todesmacht; beide Erscheinungsformen des erotischen Vitalismus werden als sinnhafter Ausdruck und Beglaubigung des machtvollen Lebensprozesses gedeutet. Hermann Korte warnt davor, vitalistische Perspektiven bei Heym bereits als politische oder gesellschaftliche Kritik zu begreifen.5 Dennoch, so die hier verfolgte These, kann man den sich in diesen Nachlasstexten manifestierenden erotischen Vitalismus als Herausforderung an die lebensunterdrückenden Wertvorstellungen der zeitgenössischen Kultur, v.a. die Normen der bürgerlichen Sexualmoral, verstehen. Ein Blick auf die Frauen- und Männerbilder in diesen Texten soll darüber hinaus zeigen, wie der antibürgerliche erotische Vitalismus mit Geschlechterstereotypen umgeht und ob seine Ausdrucksformen in der Nachlassprosa auch ästhetische Konventionen herausfordern.
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