Zeitschrift für Weltgeschichte

Journal Information
ISSN : 1615-2581
Total articles ≅ 399
Filter:

Latest articles in this journal

Pascale Laborier
Zeitschrift für Weltgeschichte, Volume 21, pp 121-136; https://doi.org/10.3726/zwg0120206

Abstract:
In der zeitgenössischen Geschichte besteht ein Denkansatz zur Wissenschaftsfreiheit darin, erzwungene Migration zu analysieren und in anderen Ländern Gelegenheiten zu begrüßen, welche es unseren Kollegen ermöglichen, ihre Forschungs- und Lehrtätigkeiten fortzusetzen. Der Kontext des Krieges in Syrien und seine Ausweitung auf den Mittleren Osten, gefolgt von jenen, die von den türkischen Behörden entlassen und/oder verurteilt wurden, werfen Fragen nach der Aufnahme von ,,gefährdeten“ Wissenschaftlern und danach auf, wie Demokratien, die sich um den Erhalt von Wissenschaftsfreiheit sorgen, sowohl Antworten geben als auch konkrete Unterstützungsstrategien entwickeln können. Ein Wissenschaftler zu sein, der sich ,,in Gefahr befindet“, hängt damit zusammen, wie die internationale Unterstützung für gefährdete Akademiker organisiert ist. Eine solche Frage scheint für Beistandsinstitutionen ein entscheidender Bezugspunkt am Beginn des 21. Jahrhunderts zu sein. Obgleich der Zusammenhang von höherer Bildung, Wissenschaft und Philanthropie in Deutschland und Frankreich ein anderer ist, wurden seit 2016 ähnliche Initiativen ergriffen, um ,,gefährdeten Wissenschaftlern“ zu helfen. Abhängig von der Beschäftigungssituation sowie akademischem Protektionismus, reagieren die wissenschaftlichen Gemeinschaften auf diese Situation mehr oder weniger großzügig. In den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Deutschland boten philanthropische Unternehmen oder private Stiftungen Unterstützung. In Frankreich basiert das universalistische System auf einem nationalen Wettbewerb, um in den öffentlichen Dienst einzutreten und Beamtenstatus zu erlangen und es ist strukturell nicht sehr empfänglich für diese Art Herausforderung. Verglichen mit der Beschäftigungsstruktur in den Vereinigten Staaten oder in Deutschland, ist es auch wesentlich protektiver.1 Diese spezielle Arbeitsmarktsituation verdeutlicht schlaglichtartig der Start eines neuen Programms in Frankreich, dem National Program for the Assistance of Scientists in Exile in Emergency (PAUSE), ins Leben gerufen im Januar 2017.
Dominik Nagl
Zeitschrift für Weltgeschichte, Volume 21, pp 49-73; https://doi.org/10.3726/zwg0120204

Abstract:
Der Kulturkritiker, Historiker, marxistische Theoretiker und Cricketexperte Cyril Lionel Robert James – geboren am 4. Januar 1901 auf Trinidad – gehört, obwohl in Deutschland bislang kaum rezipiert, zu den einflussreichsten schwarzen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts.1 Eine gewisse Bekanntheit genießt hierzulande allenfalls ,,Black Jacobins“, seine 1938 erschienene Studie über die haitianische Revolution von 1791 bis 1804.2 Sie gilt bis heute nicht nur als Klassiker einer transnationalen und kapitalismuskritischen Geschichtsschreibung, sondern auch als stilbildend für die im britischen Marxismus so einflussreiche Perspektive einer ,,Geschichte von unten“, an die später Historiker wie E. P. Thompson und Eric J. Hobsbawm anknüpften. James’ umfangreiches politisches und essayistisches Werk hat dagegen ebenso wenig Beachtung gefunden wie sein aus revolutionär-marxistischer Überzeugung geführter Kampf gegen den Stalinismus.3 C. L. R. James war als kommunistischer Häretiker und antikolonialer Aktivist in vielerlei Hinsicht ein widerständiger und subversiver ,,organischer Intellektueller“.4 Er zog es stets vor, prekäre Außenseiterpositionen zu beziehen und den Ohnmächtigen eine Stimme zu geben, statt sich mit den Mächtigen zu arrangieren. Seine vielfältige autodidaktische Forschungspraxis übte er meist abseits akademischer Institutionen aus.5 James betrieb ähnlich wie Karl Marx Gesellschaftskritik unter prekären Lebensbedingungen im ungewissen Handgemenge sozialer und politischer Kämpfe. Sein Werk und rastloses Leben stehen im Kontext einer transatlantischen schwarzen Diaspora, die seit der frühen Neuzeit als Antwort auf Kolonialismus und Sklaverei eine Vielzahl subversiver politisch-kultureller Gegenströmungen hervorgebracht hat.6 Paul Gilroy hat diesen Erfahrungsraum, in dem sich ein besonderes, kosmopolitisches Bewusstsein der Moderne herausbildete, in seinem einflussreichen gleichnamigen Buch als ,,schwarzen Atlantik“ bezeichnet. Er spricht wie W. E. B. Du Bois in seiner epochalen Studie ,,The Souls of Black Folk“ von 1903 von einem ,,doppelten Bewusstsein“. Gemeint ist damit, dass sich im ,,schwarzen Atlantik“ durch das schmerzvolle Verschmelzen gegensätzlicher europäischer und außereuropäischer Einflüsse in einem Prozess der Kreolisierung allmählich neue, hybride Subjektivitäten herausbildeten. Das aus disparaten Wurzeln (roots) und auf transnationalen Migrationswegen (routes) entstehende Bewusstsein ist nicht homogen. Es stellt vielmehr einen ,,provokativen und sogar oppositionellen Akt des politischen Ungehorsams“ gegen die Zuschreibung einer eindeutigen ethnischen und nationalen Identität dar, das die rassistische Dichotomie und soziokulturelle Hierarchisierung der kolonialen Welt in Frage stellt.7
Thomas Clark
Zeitschrift für Weltgeschichte, Volume 21, pp 137-154; https://doi.org/10.3726/zwg0120207

Abstract:
Die amerikanische Öffentlichkeit und selbst viele Akademiker scheinen sich der Natur akademischer Freiheit wenig bewusst zu sein. Das populärste Missverständnis ist wahrscheinlich, dass sie sich direkt aus der Garantie der freien Rede des ersten Zusatzes der US-Verfassung ableiten lässt. Aber diese und andere Verschmelzungen der Rede- und der Wissenschaftsfreiheit ignorieren sowohl die historischen als auch die gegenwärtigen Bedingungen im amerikanischen Hochschulwesen, durch die akademische Freiheit aktuell wesentlich komplexer definiert wird.1 Mein Beitrag beschäftigt sich daher mit zwei Punkten: Indem ich einige der wichtigsten gesellschaftlichen, rechtlichen und institutionellen Faktoren untersuche, welche die akademische Freiheit in den USA ermöglichen und welche sie einschränken, werde ich argumentieren, dass sie weit fragiler ist, als ihre robuste Fassade es scheinen lässt. Als intellektueller Historiker, der sich mit politischen Ideen beschäftigt, möchte ich die Hypothese erläutern, dass die Wissenschaftsfreiheit in Amerika von der starken Tradition des klassischen Republikanismus geprägt wurde, welche die bürgerliche Tugend sowie das Allgemeinwohl ins Zentrum der Gesellschaft, verstanden als πόλις (polis), stellt.
Tatiana Artemyeva
Zeitschrift für Weltgeschichte, Volume 21, pp 21-32; https://doi.org/10.3726/zwg0120202

Abstract:
,,Russische Philosophie“ unterscheidet sich deutlich von der ,,an russischen Universitäten studierten Philosophie“. Dies trifft zu in Bezug auf deren Inhalt sowie Umfang und ist wiederum auf die isolierte Funktionsweise von akademischen Institutionen innerhalb der Struktur intellektueller Kultur und der russischen Gesellschaft zurückzuführen.
Ralf Roth
Zeitschrift für Weltgeschichte, Volume 21, pp 229-232; https://doi.org/10.3726/zwg01202010

Abstract:
Jeden Tag erscheinen viele Bücher. Unter ihnen befinden sich nicht wenige mit Betrachtungen zum Weltgeschehen, weitaus weniger, aber immer noch recht viele handeln dezidiert zur Geschichte und davon wiederum sind es immer noch zahlreiche Publikationen, die um das Thema Welt- und Globalgeschichte kreisen. Der Aufruf zum Preis der Zeitschrift für Weltgeschichte hat ein beachtliches Echo gefunden und es war nicht einfach, unter den zahlreichen Einsendungen, die diesjährige Preisträgerin zu küren. Am Ende war es dann aber doch einfach zu der einhelligen Entscheidung zu kommen, dass das damit ausgezeichnete Buch von Lisa Hoppel in jeder Beziehung, also Thema, wissenschaftliche Qualität, Neuzugang zum Forschungsfeld, Intention, Forschungsfreude und last but not least den Leser begeisternd, die Ziele des Preises, die Erforschung der Welt- und Globalgeschichte zu befördern, unterstützt und bestärkt.
Ralf Roth, Aslı Vatansever
Zeitschrift für Weltgeschichte, Volume 21, pp 9-20; https://doi.org/10.3726/zwg0120201

Abstract:
Am Beginn des Jahres 2017, inmitten einer weltweiten Welle neo-konservativer Angriffe auf kritische Positionen in der Wissenschaft wie auch in der Politik, ergriffen wir, verschiedene Mitglieder des Vereins für die Geschichte des Weltsystems, die Initiative für eine Konferenz über die Wissenschaftsfreiheit.
Reinhard Wendt
Zeitschrift für Weltgeschichte, Volume 21, pp 155-183; https://doi.org/10.3726/zwg0120208

Abstract:
Heinrich Wilhelm Alfred Schultz wurde 1873 in Hamburg geboren und starb dort 1944. Dazwischen liegt ein Leben in der Südsee. 1895 brach er dorthin auf, und für 47 Jahre bildeten nun vor allem Tonga und Samoa, aber auch Neuseeland den Mittelpunkt seines beruflichen und familiären Alltags. Vor dem Ersten Weltkrieg verdiente er gutes Geld als Manager der ,,Deutschen Handels- und Plantagengesellschaft der Südsee-Inseln“, kurz DHPG, und hatte sich auf einer kleinen Insel in den Tropen komfortabel eingerichtet. Dieser Existenz setzte der ,,infernal war“, wie ihn Schultz selber einmal nannte, ein Ende und bescherte ihm die Internierung in Neuseeland und seinem Arbeitgeber die Liquidation. Nun verlief sein Leben in weniger glücklichen Bahnen. Eine Rückkehr nach Deutschland kam für ihn aber nicht in Frage. Er hatte in der Südsee Wurzeln geschlagen, ohne jedoch die Kontakte zur alten Heimat abreißen zu lassen. Diese sah er wieder, nachdem er im Zweiten Weltkrieg erneut interniert wurde und im Austausch mit US-amerikanischen Kriegsgefangenen nach Hamburg zurückkehrte, wo er kurz darauf nach einem Bombenangriff starb.
Manuela Boatcă
Zeitschrift für Weltgeschichte, Volume 20, pp 11-14; https://doi.org/10.3726/zwg0120191

Abstract:
Über das Wirken eines langfristig so produktiven Intellektuellen wie Immanuel Wallerstein lässt sich alleine dadurch viel schreiben, dass man seine zahlreichen Veröffentlichungen, Auszeichnungen, Wirkungsstätten, Vorsitze akademischer Gesellschaften oder Sprachen, in die seine Arbeiten übersetzt wurden, aufzählt. Mindestens so bezeichnend für sein Lebenswerk wie die Summe dieser Teile ist jedoch das, was dieses Werk nicht war und laut Wallerstein selbst auch nicht sein sollte: Seine Weltsystemanalyse, vor 35 Jahren mit dem Erscheinen des ersten von vier Bänden des ,,The Modern World-System“ bekannt geworden, sollte eine Perspektive sein und keine Theorie; kein neues Paradigma historischer Sozialwissenschaften, sondern ein Aufruf zur Debatte über das Paradigma selbst; kein Teilgebiet der Soziologie, sondern ein Aufruf zur Umstrukturierung von Sozialwissenschaften insgesamt. Wallerstein hat sich selbst immer als Rebell angesichts herrschender Orthodoxien bezeichnet – und so wollte er auch die Weltsystemanalyse als eine Reihe von politischen Protesten gegen die gängigen sozialwissenschaftlichen Annahmen seiner Zeit verstanden wissen, allen voran die Modernisierungstheorie.
Sandra Hirsch
Zeitschrift für Weltgeschichte, Volume 20, pp 83-104; https://doi.org/10.3726/zwg0120197

Abstract:
Der Einzug von Prinz Eugen von Savoyen in die osmanische Festung Temeswar (rum. Timişoara, ung. Temesvár, serb. Temišvar) am 18. Oktober 1716 markierte für die Stadt nicht nur einen Herrschaftswechsel, sondern auch den Anfang einer neuen Epoche. Die Stadt und das Land entfalteten sich nun nach den Regeln und Vorhaben der neuen Regierung und wurden damit Teil einer von oben geführten Planung.
Jürgen G. Nagel
Zeitschrift für Weltgeschichte, Volume 20, pp 165-190; https://doi.org/10.3726/zwg01201911

Abstract:
Als sich die ersten europäischen Seefahrer auf den Weg in den Fernen Osten machten, trafen sie in Südostasien nicht nur auf ein ausgeprägtes Handelssystem, sondern auch auf eine Welt, die sich durch ihren urbanen Charakter auszeichnete.1 Zunächst war es ein ambivalenter Zugang, den die Europäer zu dieser städtischen Welt entwickelten. Einerseits erlebten sie vielfältige Erscheinungsformen der als urban empfundenen Anlaufpunkte ihrer Seereisen. Andererseits hatten sie in der Regel einen europäischen Idealtyp von Stadt als Maßstab im Kopf, der von Stadtbefestigungen, zentralen Plätzen und Kirchen, aber auch von rechtlichen Privilegien und ökonomischen Sonderstellungen bestimmt war. Dieser kollidiert gerade in der frühen Neuzeit mit der urbanen Realität in Asien. So beschrieben die ersten europäischen Beobachter Ansammlungen zahlreicher Häuser in leichter Bauweise, die locker über ein großes Areal verstreut lagen, oder Plätze, die selten befestigt waren und oft die Form eines ,,bewohnten Waldes“ annahmen. Sie erlebten eine flexible Bebauung, die es erlaubte, dass ganze Viertel, mitunter sogar einmal eine ganze Stadt, kurzfristig verlegt werden konnten. In morphologischer Hinsicht hatten die Neuankömmlinge Schwierigkeiten, das gewohnte europäische Stadtbild mit seinem asiatischen Pendant in Übereinstimmung zu bringen. In funktionaler Hinsicht war die Vorstellung der europäischen Kaufleute von Stapelplätzen und Messestädten geprägt.2
Back to Top Top